Große Worte, große Bühnen, große Versprechen und eine Mittelschule, die täglich improvisieren muss. Warum politische Inszenierungen nicht mehr reichen, weshalb „Eigenverantwortung“ oft nur ein anderes Wort für strukturelles Wegsehen ist und warum der MLLV echte Verbesserungen fordert.
Die bayerische Mittelschule ist seit Jahren das, was man politisch gern ein „Herzensanliegen“ nennt. Herzensanliegen haben allerdings die unangenehme Eigenschaft, dass man sie regelmäßig beschwört und anschließend allein lässt. Während Pressekonferenzen routiniert Optimismus verbreiten und neue Programme mit wohlklingenden Titeln versehen werden, sieht der Alltag anders aus: Lehrkräftemangel, hohe Belastung, wachsende Heterogenität, immer komplexere soziale Lagen. Die Mittelschule ist längst Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Versäumnisse nur leider ohne ausreichendes Werkzeug.
Besonders elegant ist dabei ein Mechanismus, der inzwischen System hat: Immer dann, wenn Probleme von oben nicht mehr lösbar erscheinen, steigt plötzlich die „Eigenverantwortung vor Ort“. Mit anderen Worten: Wenn es strukturell brennt, bekommt die Schule einen Eimer und den Hinweis, man möge bitte kreativ sein.
Eigenverantwortung ist eine wunderbare Sache solange sie Gestaltungsspielraum bedeutet. Sie wird allerdings zynisch, wenn sie zur Verlagerung staatlicher Verantwortung wird. Man könnte es so formulieren: Wenn das Dach fehlt, erklärt man dem Bewohner, wie viel Freiheit er nun bei der Wahl seines Regenschirms hat.
Der MLLV sagt es klar: Politische Showveranstaltungen sind von gestern. Die Mittelschule braucht keine symbolischen Besuche, keine wohlformulierten Bekundungen und keine kurzfristigen Notmaßnahmen, die als Reform verkauft werden. Sie braucht dauerhaft ausreichend Personal, multiprofessionelle Teams, verlässliche Unterstützungssysteme und echte Entlastung.
Wer Qualität will, muss investieren. Wer Chancengerechtigkeit ernst meint, muss strukturell handeln. Wer die Mittelschule stärkt, stärkt die gesellschaftliche Stabilität. Alles andere ist Kulisse. Und Kulissen haben bekanntlich die Eigenschaft, beim ersten stärkeren Wind umzufallen.
Martin Schmid,
1. Vorsitzender des MLLV