In Deutschland und ganz besonders bei uns in Bayern entscheidet die soziale Herkunft nach wie vor sehr stark über den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen. Diese gesellschaftspolitische Herausforderung thematisiert der BLLV aktuell im Format „Bildung gerecht gestalten“.
Das Startchancen-Programm (SCP) des Bundesbildungsministeriums, das größte und langfristigste Bildungsprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, stand im Fokus des MLLV-Beitrags zu dieser Veranstaltungsreihe. Mit hochrangigen Fachleuten aus der Schulverwaltung sowie Bildungspolitikern aus Bundestag und Landtag konnten sich etwa 40 SCP-Schulleitungen aus München und Oberbayern über den aktuellen Stand und bestehende Herausforderungen bei der Umsetzung des SCP austauschen.
Kurze Impulsreferate von MR Philipp Pacius (KM), Brigitte Stelli (ALP Dillingen), Anita Henselmann (Referat für Bildung und Sport der Landeshauptstadt München), MdB Nicole Gohlke (Die Linke), MdB Jamila Schäfer (Bündnis 90/Die Grünen) und Sabine Bösl (Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV) bildeten den Auftakt. Wesentliche Aspekte wurden in der anschließenden hybriden Podiumsdiskussion auch mit MdL Gabriele Triebel (Bündnis 90/Die Grünen) und MdL Dr. Martin Brunnhuber (Freie Wähler) vertieft.
Weitere Gäste des MLLV waren als Vertretung des Staatlichen Schulamtes die Fachliche Leitung Bettina Betz, SchRin Sandra Durchdenwald und SchADin Susanne Löffler sowie die frisch gewählten Münchner Stadträte Dagmar Föst-Reich (FDP) und Arda Celik (SPD). MLLV-Abteilungsleiter Martin Göb-Fuchsberger (Leiter der Abteilung Schul- und Bildungspolitik und Koordinator der Veranstaltung) bedauerte sehr, dass sich keine Vertretung von CDU und CSU Zeit für diesen gelungenen Abend nahm, der allen Gästen auch die Gelegenheit zum persönlichen Austausch am Büffet bot.
Die MLLV-Arbeitsgruppe SCP mit Isabel Franz (2. Vorsitzende), Meike Fuchs (Leiterin der Abteilung Berufswissenschaft) und Stefanie Batmaca (Stellvertretende Leitung der Abteilung Schul- und Bildungspolitik) zog im Anschluss eine positive Bilanz.
Martin Göb-Fuchsberger betonte: „Es wurde deutlich, dass alle Verantwortlichen bereits viel dafür tun, dass die bisher einmaligen Chancen, die das SCP bietet, auch realisiert werden können. Für München ist etwa die gute Zusammenarbeit des Staatlichen Schulamts mit dem städtischen Referat für Bildung und Sport besonders hervorzuheben. Außerdem sind Formate für Vernetzung und Dialog sowie passgenaue Unterstützungsangebote der ALP Dillingen und der direkte Draht zum KM sehr hilfreich. Jetzt kommt es vor allem darauf an, die Schulen durch Serviceagenturen zu entlasten, solange zusätzliche Anrechnungsstunden für Schulleitungen nicht möglich sind. Und natürlich haben wir auch daran erinnert, dass die Mehrheit der Schulen, die nicht am SCP teilnehmen dürfen, nicht vergessen werden darf.“
Umsetzung, Unterstützung und Bürokratieabbau
Nach anderthalb Jahren sind die Grundstrukturen des Programms geschaffen und die Schulen können mit der praktischen Arbeit beginnen. Um Bürokratie abzubauen, wurde beispielsweise die Dokumentationspflicht für Ausgaben unter 5.000 Euro abgeschafft. Ministerialrat Philipp Pacius (Kultusministerium) betont, dass Kontrollmechanismen wie die Abstimmung mit der Schulaufsicht bei höheren Ausgaben auch dem Schutz der Schulleitungen dienen. Die Stadt München unterstützt ihre 63 Startchancenschulen durch Handreichungen, Checklisten und die Nutzung bestehender Strukturen wie der „Bildungslokale“.
Ein zentraler Aspekt ist der direkte Austausch zwischen Ministerium und Schulen. Auf bayerischer Ebene wird ein Beratungsgremium eingerichtet. Schulleitungen be-richten von Unsicherheiten bei Berichtspflichten und Vertragsabschlüssen, aber auch von positiven Erfahrungen mit Netzwerktreffen. Es wird der Wunsch nach klaren Strukturen geäußert, was dokumentiert werden muss.
Fortbildungen und KI-gestützte Werkzeuge
Die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP) bietet umfangreiche Fortbildungen an, die auf Bedarfsabfragen basieren:
- Mathematik: Verpflichtende Programme für Grund- und Mittelschulen über mehrere Jahre.
- Deutsch: Verpflichtende Fortbildungen zu VERA 3 und weitere Angebote zu Lesen, Sprechen und Schreiben.
- Weitere Themen: In Kooperation mit Bundeskompetenzzentren werden Programme zu multiprofessionellen Teams, Elternarbeit und sozialem Lernen (“stark im Miteinander”) entwickelt. Ein Lehrgang “Weniger Konflikte, mehr Miteinander” schult Deeskalationsstrategien.
- KI-Unterstützung: Das KI-Kompetenzzentrum (LKI) entwickelt Tools zur Unterstützung, z.B. einen Navigator für Zielvereinbarungen und einen Chatbot, der mit relevanten Dokumenten trainiert ist, um Fragen zu beantworten.
Ressourcen, Entlastung und Mittelverwendung
Ein zentrales Thema ist die Überlastung der Schulleitungen. Es wird vehement eine Entlastung durch Anrechnungsstunden gefordert, da gute Schulentwicklung Zeit benötigt. Da dies personell derzeit nicht umsetzbar ist, wurden als kreative Lösungen die Einstellung von Verwaltungskräften und eine Leistungsprämie von 10.000 € pro Schule eingeführt. Bei der Vergabe dieser Prämien gibt es jedoch Unklarheiten und unterschiedliche Vorgehensweisen in den Schulämtern, was den Ruf nach einer einheitlichen Richtlinie laut werden lässt.
Bezüglich der Finanzen wird Flexibilität betont:
- Mittelübertragung: Nicht verbrauchte Mittel aus Säule 2 und 3 verfallen nicht, sondern werden im Folgejahr wieder aufgefüllt. Schulen können bei punktuellem Mehrbedarf Anträge stellen. Eine automatische Übertragung ins nächste Jahr wird aber vermieden, um Mittel nicht zu binden.
- Umgang mit Restmitteln: Die Stadt München fordert transparente Kriterien für die Verteilung nicht abgerufener Mittel. Ein Vorschlag ist, diese am Ende der Laufzeit für ein “elftes Jahr” zu verwenden.
Um sicherzustellen, dass auch die 90 % der Schulen profitieren, die nicht am Programm teilnehmen, sollen entwickelte Materialien (z.B. FiLBY), ausgebildete Multiplikatoren und Fortbildungen allen Schulen zugänglich gemacht werden.
Es herrscht Einigkeit über den immensen Investitionsbedarf im Bildungsbereich. Politische Forderungen umfassen ein dauerhaftes Zukunftsinvestitionsprogramm, das nahtlos an das Startchancen-Programm anknüpft, sowie die Abschaffung des Kooperationsverbots, um dem Bund strukturelle Investitionen zu ermöglichen. Die Sicherung einer Anschlussfinanzierung nach Auslaufen des Programms hat hohe Priorität, insbesondere angesichts drohender Haushaltskürzungen auf Bundesebene.
Nächste Vereinbarungen
- Schulen sollen die vorhandenen Strukturen und Freiheiten nutzen, um Maßnahmen zu erproben und umzusetzen.
- Weitere Details zu den Auftaktveranstaltungen für das Mathematik-Programm (Grundschule) werden über die Themenseite kommuniziert.
- Das KI-Tool zur Beantwortung von Fragen soll den Schulen bald zur Verfügung gestellt werden.
- Die Stadt München wird einen finalisierten Ablaufplan bzw. eine Checkliste für Anschaffungen an die Fachliche Leitung des Staatlichen Schulamts des Landeshauptstadt München, Frau Betz, zur Abstimmung weiterleiten.
- Eine Handreichung für die Münchner Startchancenschulen zur Orientierung bei Anschaffungen soll fertiggestellt und herausgegeben werden.
- Es soll geprüft werden, ob die Plattform “Chance Ganztag” für Kooperationen im Rahmen der Startchancenschulen erweitert werden kann.
Das Startchancen-Programm: Ziele, Herausforderungen und politische Debatte
Das Startchancen-Programm wird als wichtiges Instrument zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit betrachtet, um den starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Bayern zu durchbrechen. Studien des Ifo-Instituts belegen, dass in Bayern nur 20 % der Kinder aus einkommensschwachen Familien das Gymnasium besuchen, was im Bundesvergleich ein verbesserungswürdiges Ergebnis ist. Das Programm zielt darauf ab, Schulen in benachteiligten Lagen durch drei Säulen zu unterstützen: Investitionen in die Infrastruktur (Säule 1), ein flexibles Chancenbudget für bedarfsgerechte Maßnahmen (Säule 2) und die Stärkung multiprofessioneller Teams (Säule 3). Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) unterstützt das Programm, da es echte Perspektiven bietet, weist jedoch auch auf Herausforderungen wie hohe Bürokratie und den Zeitaufwand für Schulleitungen hin.
Von politischer Seite (Opposition) wird das Programm kritisiert: Es erreiche nur 10 % der Schulen und damit nicht alle armutsgefährdeten Kinder. Die Befristung auf zehn Jahre gefährde die Nachhaltigkeit der aufgebauten Strukturen. Zudem wird der Vorwurf laut, Bayern rechne bestehende Landesprogramme an und stelle kaum zusätzliche Mittel bereit, wodurch Potenziale ungenutzt blieben. Im Gegensatz dazu wird die bayerische Strategie verteidigt: Der gestaffelte Start mit zunächst 100 Schulen sei sinnvoll, um aus Erfahrungen zu lernen.