Prien präsentiert die PISA-Verlierer: Eltern, Kinder, Zugewanderte

Geschrieben am 21.09.2026
von kommunikation

25 Jahre Bildungsversagen und Karin Prien betrachtet das Ergebnis von der Zuschauertribüne. Die Politik war es natürlich nicht. Verantwortlich sind Eltern, Kinder und Zugewanderte. Also ausnahmslos Menschen, die in den vergangenen 25 Jahren kein Bildungsministerium geführt haben.



Deutschlands Schülerinnen und Schüler schneiden bei PISA so schlecht ab wie nie. Bundesbildungsministerin Karin Prien nennt das Ergebnis „dramatisch“. Immerhin: Nach 25 Jahren PISA-Schock hat die Politik den Ernst der Lage erkannt. Schon wieder. Die Ursachen sind nach Ansicht der Ministerin schnell gefunden: Zuwanderung, verändertes Elternverhalten, zu wenig Vorlesen, zu viel Handy und zu viel Social Media. Kurz gesagt: Schuld sind die Zugewanderten, die Eltern und die Kinder. Wahrscheinlich auch noch das WLAN. Nur die Bildungspolitik stand offenbar zufällig daneben. Natürlich tragen Eltern Verantwortung. Natürlich erschweren mangelnde Sprachkenntnisse den Bildungserfolg. Natürlich sind stundenlange Bildschirmzeiten ein Problem. Aber wer daraus ableitet, die Politik sei lediglich Beobachterin des Unglücks, verwechselt das Bildungsministerium mit der Zuschauertribüne. Politik legt die Rahmenbedingungen fest: für frühkindliche Bildung, Sprachförderung, Ganztag.

Bemerkenswert ist nicht nur, was aus Berlin gesagt wird. Bemerkenswert ist auch, was aus Bayern nicht gesagt wird. Wo bleibt die Richtigstellung des Bayerischen Kultusministeriums? Wo bleibt die ehrliche Einordnung, dass Herkunft und Elternverhalten zwar Einflussfaktoren sind, aber nicht als bequeme Sammelausrede für jahrzehntelange politische Versäumnisse herhalten dürfen? Wo bleibt der Hinweis, dass die soziale Herkunft in Deutschland den Bildungserfolg noch stärker bestimmt als im OECD-Durchschnitt?

Bayerns Kultusministerin Anna Stolz ist 2026 nicht nur für die bayerische Schulpolitik verantwortlich, sondern zugleich Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Wenn die Bundesbildungsministerin öffentlich eine Erklärung liefert, bei der die Verantwortung auffällig schnell bei Familien, Zugewanderten und Kindern landet, wäre eine fachliche Einordnung durch die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz angebracht.

Gerade Bayern weist gerne darauf hin, wie erfolgreich sein Bildungssystem sei. Dann sollte es aber auch den Anspruch haben, verkürzte Schuldzuweisungen klar zurückzuweisen. Schweigen ist in diesem Fall keine Neutralität. Schweigen lässt die Erzählung unwidersprochen stehen. Seit dem ersten PISA-Schock im Jahr 2001 wurden sieben neue Bundesregierungen gebildet. Fünf davon wurden von der Union geführt: vier Kabinette Merkel, nun das Kabinett Merz. 16 Jahre regierte die CDU ununterbrochen, seit 2025 regiert sie erneut. Karin Prien selbst war zuvor acht Jahre Bildungsministerin in Schleswig-Holstein. Das ist keine politische Randnotiz. Das ist ausreichend Zeit, um vom Beifahrersitz zu wechseln und Verantwortung zu übernehmen.

Gewiss: Bildung ist vor allem Ländersache. Umso erstaunlicher ist die Erzählung, die zuständigen Parteien, Landesregierungen und Kultusministerien hätten mit den Ergebnissen wenig zu tun. Seit einem Vierteljahrhundert folgt auf jede Studie dasselbe bildungspolitische Ritual: Ergebnisse erschrocken präsentieren, Betroffenheit äußern, neue Konzepte ankündigen und anschließend mit größtmöglicher Unentschlossenheit nichts Grundlegendes verändern. PISA ist längst keine Schockstudie mehr. PISA ist der regelmäßige TÜV-Bericht eines Autos, bei dem seit 25 Jahren die Bremsen beanstandet werden. Die Politik wechselt alle paar Jahre den Duftbaum und wundert sich, dass der Wagen noch immer nicht zum Stehen kommt. Dabei sind die Ergebnisse keine Naturkatastrophe, die plötzlich über Deutschland hereingebrochen ist. Sie sind die Bilanz jahrzehntelanger Entscheidungen und unterlassener Reformen auf Bundes- und Landesebene. Wer diese Bilanz nun vor allem mit Zuwanderung, Elternverhalten und sozialen Medien erklärt, beschreibt nicht die Ursachen des politischen Versagens, sondern organisiert seine Entlastung. Und dann wundern wir uns über PISA.

Der Politik wird gern zugutegehalten, sie könne keine Wunder vollbringen. Das stimmt. Aber sie könnte damit beginnen, das Offensichtliche zu tun: früh fördern, Schulen nach ihrem tatsächlichen Bedarf ausstatten, Lehrkräfte entlasten, Personal verlässlich planen und Probleme ehrlich benennen. Stattdessen wird Lehrkräftemangel zur „Herausforderung“, Unterrichtsausfall zur „angespannten Versorgungslage“ und jahrzehntelanges politisches Versagen zum Fehlverhalten der Eltern umetikettiert. Wenn die Realität nicht zur politischen Erfolgsmeldung passt, bekommt eben die Realität einen neuen Namen.

Loriot wird der Satz zugeschrieben: „Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“ Für Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker sollte es noch einen zweiten guten Platz geben: mitten in einer Schule, ohne Pressetermin, ohne vorbereitete Gesprächsrunde und ohne Fluchtweg zum nächsten Schuldigen. Und das für mindestens ein halbes Schuljahr. Sozusagen als „bildungspolitische Gesellenprüfung!“ Denn nach 25 Jahren „Weiter so“ ist die Rollenverteilung nicht mehr überzeugend: Verantwortlich sein sollen Eltern, Kinder, Lehrkräfte, Zugewanderte und soziale Medien. Nur diejenigen nicht, die seit Jahrzehnten regieren, die Mittel verteilen und die Bedingungen gestalten.

Wenn Berlin die Verantwortung nach unten weiterreicht und München dazu schweigt, bleibt am Ende wieder alles bei den Schulen hängen. Das ist kein Erklärungsversuch. Das ist organisierte Verantwortungsflucht.

Es grüßt Sie herzlich!

Martin Schmid