Und alle drei Jahre grüßt das PISA-Tier

Geschrieben am 07.10.2026
von kommunikation


25 Jahre PISA. 25 Jahre analysieren, diagnostizieren, reagieren und reformieren. Und 2026 stellen wir fest: Deutschland erreicht in allen drei getesteten Bereichen den niedrigsten Stand seit Beginn der PISA-Erhebungen. Man muss auch einmal die Konsequenz würdigen.


Die veröffentlichten Ergebnisse von PISA 2025 sind ernüchternd. In Mathematik erreichen nur noch 66 Prozent der 15-Jährigen das grundlegende Kompetenzniveau, beim Lesen sind es 68 Prozent, in den Naturwissenschaften 73 Prozent. Seit 2015 ist der Anteil der leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler massiv gestiegen. Ein Drittel unserer Jugendlichen scheitert also beim Lesen oder in Mathematik an grundlegenden Anforderungen. Das ist kein PISA-Schock mehr. Ein Schock ist etwas Unerwartetes. Nach einem Vierteljahrhundert PISA könnte man eher von einer bildungspolitischen Tradition sprechen. Und das Ritual beherrschen wir inzwischen perfekt: Die Studie erscheint. Die Ergebnisse sind schlecht. Fachleute sind alarmiert. Die Politik ist besorgt. Es folgen Interviews, Pressekonferenzen und der Hinweis, dass man selbstverständlich bereits die richtigen Maßnahmen eingeleitet habe. Dann wird es wieder ruhiger. Bis das PISATier erneut vor der Tür steht.

In Bayern sind wir dabei besonders gründlich. Wir diagnostizieren, evaluieren, testen, erheben Sprachstände, entwickeln Förderprogramme, verändern Stundentafeln und erstellen wissenschaftlich fundierte Konzepte. Wenn das Analysieren von Bildungsproblemen eine PISA-Disziplin wäre, Bayern hätte gute Chancen auf Gold. Leider gibt es dafür keine Punkte.

Dabei wissen wir längst, wo wir ansetzen müssten. Zum Beispiel ganz am Anfang. Wer möchte, dass Jugendliche mit 15 Jahren lesen, rechnen, Probleme lösen und komplexe Zusammenhänge verstehen können, könnte auf die geradezu revolutionäre Idee kommen, dort besonders zu investieren, wo Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt werden: in Kitas und Grundschulen. Die Grundschule legt das Fundament der gesamten Bildungsbiografie. Trotzdem diskutieren wir über immer neue Aufgaben, während Schulen gleichzeitig um jede Lehrerstunde ringen. Man kann ein Fundament natürlich immer weiter belasten. Man sollte sich dann nur nicht wundern, wenn irgendwann das Haus Risse bekommt.

Und auch unsere Mittel- und Förderschulen leisten täglich pädagogische Schwerstarbeit. Sprachförderung, Inklusion, individuelle Förderung, Berufsorientierung und enorme soziale Herausforderungen treffen dort auf einen Personalmangel, der auch dadurch nicht kleiner wird, dass wir ihn immer ausgefeilter verwalten. PISA liefert dazu eine hübsche Randnotiz: Mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler in Deutschland besucht Schulen, deren Schulleitungen angeben, dass fehlendes Lehrpersonal den Unterricht beeinträchtigt.

Wir könnten daraus natürlich schließen, dass Schulen mehr Personal brauchen. Oder wir gründen zunächst eine Arbeitsgruppe, die den Zusammenhang untersucht.

Noch interessanter wird es, wenn PISA an die Grundfesten unseres Bildungssystems rührt. Deutschland gehört weiterhin zu den Ländern, in denen der Bildungserfolg besonders stark von der sozialen Herkunft abhängt. In den Naturwissenschaften liegen zwischen dem sozioökonomisch privilegiertesten und dem benachteiligtesten Viertel der Jugendlichen 125 PISA-Punkte. Der OECD-Durchschnitt beträgt 85 Punkte. Und während sich dieser Abstand im OECD-Durchschnitt seit 2015 verkleinert hat, ist er in Deutschland größer geworden.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht immer nur fragen, was mit unseren Kindern nicht stimmt. Vielleicht sollten wir irgendwann auch fragen, was mit unserem System nicht stimmt.

Nur eine Randnotiz: Bundesbildungsministerin Karin Prien zeigte sich angesichts der PISA-Ergebnisse überrascht darüber, „dass Eltern Bildung einfach nicht so wichtig finden“, und fordert mehr Engagement aus den Elternhäusern.  Das Bildungshaus brennt seit Jahren an mehreren Stellen und während wir noch über marode Leitungen, fehlendes Personal und Risse im Fundament diskutieren, kommt aus Berlin der Hinweis, die Bewohner könnten vielleicht etwas kräftiger pusten. Praktisch. Dann muss man wenigstens nicht darüber reden, wer eigentlich für den Brandschutz zuständig ist.

In Bayern sortieren wir Kinder nach vier Grundschuljahren auf verschiedene Schularten. Mit neun oder zehn Jahren werden Bildungswege vorgezeichnet, während uns PISA gleichzeitig bescheinigt, wie eng Bildungserfolg und Elternhaus miteinander verbunden sind. Über eine längere gemeinsame Schulzeit nachdenken? Das gegliederte Schulsystem grundsätzlich hinterfragen? Schwierig.

FAZIT: Bayern verändert gerne Schule solange das Schulsystem gleich bleibt.

Dabei müsste eine ergebnisoffene Diskussion über Strukturen eigentlich selbstverständlich sein. Nicht weil andere Systeme automatisch besser sind. Sondern weil ein Bildungssystem, das über Jahrzehnte dieselben Probleme diagnostiziert, irgendwann den Mut haben muss, auch sich selbst zum Gegenstand der Diagnose zu machen. Und genau das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieser PISA-Studie: Wir wissen, dass frühe Förderung entscheidend ist. Wir wissen, dass Lesen die Grundlage nahezu allen Lernens ist. Wir wissen, dass soziale Herkunft in Deutschland viel zu stark über Bildungschancen entscheidet. Wir wissen, dass Grund-, Mittel- und Förderschulen bessere personelle Bedingungen brauchen. Wir wissen, dass Lehrkräfte fehlen. Und wir wissen das alles nicht erst seit gestern.

Deutschland und Bayern ganz besonders haben kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein Umsetzungsproblem.

Vielleicht wäre es deshalb vor der nächsten PISA-Runde an der Zeit für ein völlig neues bildungspolitisches Konzept: nicht noch mehr messen, was nicht funktioniert, sondern endlich konsequent verändern, was wir längst als Problem erkannt haben. Das wäre mutig. Das wäre ungewöhnlich. Und vermutlich deutlich komplizierter als ein neues Förderprogramm. Aber keine Sorge: Für einen weiteren Arbeitskreis reicht die Zeit bestimmt.