Kommentar zum Gesamtkonzept Unterrichtsversorgung

Geschrieben am 27.04.2026
von kommunikation


Analyse statt Augenmaß

Die Analyse mag besser geworden sein, die Realität an unseren Schulen ist es nicht. Wer von einem „Gesamtkonzept Unterrichtsversorgung“ spricht, aber Lehrkräfte, Kinder und Eltern mit Notmaßnahmen und Sparlogik allein lässt, betreibt Schönfärberei auf Kosten der Bildungsqualität.

Pflichtunterricht als Fiktion

An unseren Schulen sind wir vielerorts weit davon entfernt, den Pflichtunterricht verlässlich abzudecken. Stunden fallen aus, Klassen werden zusammengelegt, Förderangebote werden gestrichen oder nur noch auf dem Papier geführt. Gleichzeitig stehen immer mehr Kinder mit immer komplexeren Bedarfen vor uns und immer weniger ausgebildete Lehrkräfte dahinter.

Piazolo-Paket: Dauer-Notfall als Normalzustand

Das sogenannte „Piazolo-Paket“ ist ein Bündel von Notmaßnahmen, das 2020 eingeführt wurde, um den Unterricht trotz massiven Lehrkräftemangels irgendwie abzusichern. Es setzt vor allem auf Mehrbelastung der Grund-, Mittel-, und Förderschullehrkräfte: zusätzliche Pflichtstunde für Grundschullehrkräfte, eingeschränkte Teilzeit, erschwerte Sabbatmodelle. Alles zulasten der Gesundheit und Planbarkeit unseres Berufs.

Gleichzeitig verkaufen Politik und Ministerium der Öffentlichkeit, an den Grundschulen sehe es inzwischen „gar nicht so schlecht“ aus. Wenn das stimmen würde, gäbe es keine Notwendigkeit mehr für dieses Notfallpaket, aber die Maßnahmen gelten nach wie vor, teilweise nur kosmetisch verändert, weiter. Man kann nicht gleichzeitig Entwarnung geben und den Ausnahmezustand zum System machen. Eine echte Entwarnung sähe anders aus.

Gesamtkonzept ohne echtes Personal

Auch das neue „Gesamtkonzept Unterrichtsversorgung“ ändert an diesem Grundproblem nichts: Es verwaltet den Mangel, statt ihn zu beheben. Mit Stellschrauben bei Klassenbildung, Kürzung von Zusatz- und Wahlangeboten und noch mehr Flexibilisierung soll der Eindruck entstehen, man habe alles im Griff. Tatsächlich wird aber nur verschoben, gestrichen und verdichtet und genau die Bereiche ausgedünnt, in denen individuelle Förderung, Beziehung und Schulleben stattfinden.

Für die Kolleginnen und Kollegen bedeutet das: Noch mehr Druck, noch mehr Improvisation, noch weniger Verlässlichkeit. Für die Kinder bedeutet es: weniger Unterstützung, weniger Zeit, weniger Raum für ihre unterschiedlichen Talente und Bedürfnisse.

Politische Verantwortung einfordern

Ehrlich wäre, zu sagen, dass Bayern ohne massive Neueinstellungen, ohne bessere Arbeitsbedingungen und ohne konsequente Ausbildungsoffensive den Pflichtunterricht in vielen Regionen nicht aus eigener Kraft sichern kann. Stattdessen werden Probleme mit wohlklingenden Überschriften, optimistischen Prognosen und statistischen Mittelwerten überdeckt. Das mag in Pressekonferenzen funktionieren, in den Klassenzimmern der Schulen aber nicht.

Als Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverband erleben wir, wie Kolleginnen und Kollegen an der Grenze ihrer Belastbarkeit arbeiten, wie Schulleitungen permanent Löcher stopfen und wie Kinder nicht die Unterstützung bekommen, die sie eigentlich bräuchten. Unser Auftrag ist klar: Wir benennen diese Widersprüche und sagen deutlich, dass es so nicht weitergehen kann. Ein echtes Gesamtkonzept Unterrichtsversorgung braucht ausgebildete Lehrkräfte, verlässliche Rahmenbedingungen und den Mut, politische Versäumnisse einzugestehen, alles andere ist ein Konzept auf dem Rücken der Schulen.

 

Isabel Franz, 2. Vorsitzende