Das Motto „Haltung zeigen, Mund aufmachen, handeln!“ des diesjährigen Lehrerinnen und Lehrer Tags stand ganz im Sinne der Demokratie und ruft Lehrkräfte zu mehr Mut bei der praktischen Umsetzung demokratiefördernder Maßnahmen an den Schulen und zu mehr Standfestigkeit hinsichtlich der Verteidigung unserer Verfassung und unserer Freiheiten auf
Das Motto des Lehrertags ist dabei als konkrete Aufforderung zu verstehen in einer Zeit, in der wieder vieles Sagbar wird, von dem wir dachten, dass es längst überwunden sei, in der Diskussionen härter werden, Positionen extremer und die Zwischentöne immer leiser. Martin Schmid, erster Vorsitzender des MLLV, betont in seinem Anfangsstatement, dass Lehrkräfte in einem hierarchischen und undemokratischen Schulsystem Demokratie vermitteln sollen. Meinungsbildung solle vermittelt werden, aber möglichst konfliktfrei, Lehrkräfte sollen Haltung zeigen, aber bitte ohne anzuecken. Unter dem Deckmantel des Neutralitätsgebots werde so getan, als müssten Lehrkräfte möglichst vorsichtig sein, möglichst zurückhaltend, möglichst ohne klare Position. Demokratie brauche aber keine zurückhaltenden Lehrkräfte, sondern Lehrkräfte, denen das Rückgrat ministeriell gestärkt wird. Der Beutelsbacher Konsens bedeute nicht, dass Lehrkräfte keine politische Haltung haben dürfen und er bedeute auch nicht, dass wir schweigen müssen, wenn demokratische Grundwerte angegriffen werden. Unsere Aufgabe sei nicht Neutralität gegenüber Demokratiefeinden. Schmid setzt sein Statement kämpferisch fort: „Wir schweigen nicht, wenn demokratische Grundwerte angegriffen werden. Deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst uns niemals neutral sein gegenüber Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus oder der Verächtlichmachung unseres Grundgesetzes. Das Grundgesetz ist nämlich keine optionale Empfehlung, es ist der Charakter unseres Landes. Genau deshalb dürfen, ja müssen wir Lehrkräfte Haltung zeigen. Es gehört gerade deshalb zum Auftrag von Schule, Feinde der Demokratie klar zu identifizieren und einzuordnen. Demokratie verteidigt sich nicht dadurch, dass man so tut, als seien alle Positionen gleichwertig. Wer demokratische Grundwerte angreift und Menschen gegeneinander aufhetzt, bewegt sich nicht nur einfach in einem anderen Meinungsspektrum.” Schmid endet damit, dass ausgerechnet die Demokratiefeinde der AfD, die demokratische Insistutionen schwächen wollen, den Lehrkräften politische Zurückhaltung verordnen wollen, damit Lehrkräfte in ihrer politischen Haltung eingeschüchtert werden. Es bräuchte deshalb ein KMS (Kultusministerielles Schreiben), das aussagt, dass der Beutelsbacher Konsens kein Maulkorb für Lehrkräfte ist, sondern ein Auftrag für demokratische Haltung. Stattdessen sei jedoch ein KMS zur Hymnenpflicht gekommen.
Keynote von Christian Springer
Christian Springer (Kabarettist und Autor), vielen bekannt aus der Kabarett-Reihe „Schlachthof“ des Bayerischen Rundfunks, knüpfte während seines Vortrags gewohnt scharfzüngig und forsch an die einführenden Worte Martin Schmids an, diesmal jedoch weniger kabarettistisch, sondern, dem Thema des Tages angepasst, sehr ernst und stimmgewaltig. Er schlägt dabei die Brücke zwischen Schule und Alltag.
Demokratie, Debattenkultur und Unterstützung von Schüler/innen
- Schulen als Orte der Demokratie, Toleranz und fairen Debatten.
- Beispiel eines Mädchens in Straubing, das Argumente gegen AfD-Positionen sucht; Aufruf, solche Schüler:innen zu identifizieren, zu stärken und Zivilcourage zu fördern.
- Meinungsfreiheit und friedliches Nebeneinander trotz unterschiedlicher Ansichten.
Antisemitismus und Hass an Schulen
- Bericht über bedrohte jüdische Familien in München; drei Familien sind weggezogen.
- Polizei oft handlungsunfähig ohne Straftatbestand.
- Codes und Symbolik: „DDD“, Wassermelonen-Dreieck, rotes Dreieck, Gleitschirm-Aufkleber (Bezug 7.10.2023), „Geh duschen!“.
- Viele Codes juristisch schwer angreifbar, transportieren aber offene Judenfeindlichkeit.
- Antisemitismus schichtenübergreifend; rechtliche Grenzen reichen nicht aus, pädagogische Gegenstrategien notwendig.
Umgang mit Extremismus und Ausgrenzung
- Judenhass liegt eingebettet in Muster von Faschismus, Rassismus und Sexismus vor
- Warnung vor Rechtslastigkeit und wachsendem „linken Faschismus“.
- Aktive Verteidigung der demokratischen Kultur; klare Haltung gegen alle Formen von Extremismus.
Reflexion über Schule, Freiheit und globale Verantwortung
- Situation von Kindern und besonders Mädchen in Afghanistan und Iran
(Bildungs- und Freiheitsbeschränkung).
- Indoktrination von Kindern im Gazastreifen und in Russland.
- Deutschland trotz Problemen „Paradies“ im Vergleich; Lehrkräfte als „Botschafter von Freiheit“, Bestärkung zu Mut und Energie.
Erziehung zu praktischen und sozialen Kompetenzen
- Lehrkräfte leisten wichtige Arbeit trotz Fehlern.
- Überhöhte, widersprüchliche gesellschaftliche Erwartungen an Kinder (Demokratie, Klima, Antisemitismus, Mehrsprachigkeit, “Out of the box”-Denken).
- Praktische Kompetenzen: Respekt, Haushaltsfertigkeiten, Alltagsaufgaben (Amazon-Rücksendungen, Fitness, Geldanlage).
- Ambivalenz bei Geldanlage (Gold, Immobilien, Bitcoin, Aktien inkl. Rüstung) vs. Friedensideale.
Kritik an Elternverhalten und Vorschlag zu verpflichtenden Elternkursen
- Zunehmende Gewaltandrohungen und Beschimpfungen gegen Lehrkräfte.
- Vorschlag: Gesetzlich verpflichtende Eltern-Workshops ab dem ersten Schultag („Vom Erziehungsberechtigten zum Erziehungsfähigen“).
- Deutliche Ansprache „Helikopter“-Eltern; mehr Respekt vor Schule und Lehrkräften.
Schule als Schutz- und Heimatort, besonders im Kontext von Flucht
- Erfahrung im Libanon seit 2011/2012 (Verein „Orienthelfer“: Christian Springer ist Gründer des Vereins): >80% der Mittel für Bildung, inkl. Lehrergehälter.
- Schule als sicherer Zufluchtsort für 400–600 syrische Kinder; Kinder kommen auch am Wochenende.
- Schule bietet Schutz vor Gewalt und schafft Zugehörigkeit.
Aufmerksamkeit für häusliche Gewalt gegen Kinder
- Offenheit schaffen, damit Misshandlungen erkannt werden.
- Sensibilisierung im Kollegium, damit Missbrauch nicht unentdeckt bleibt.
Grenzen formaler Bildung und Notwendigkeit von Herzensbildung
- Historische Fehlentscheidungen gebildeter Fachleute (Justiz, Medizinethik, Sport).
- Formale Bildung reicht nicht; Empathie, Gleichheitsverständnis und Herzensbildung gleichwertig entwickeln.
Bildungspolitik, Leistungsdruck und „Exen“
- Rückblick auf Rechtschreibreform (kostspielig, später als überflüssig bezeichnet).
- Kritik an unangekündigten Leistungsnachweisen („Exen“); erzeugen Stress ohne klaren Nutzen.
- Aufruf an Lehrkräfte, sich nicht einschüchtern zu lassen und für Überzeugungen (z. B. Abschaffung der „Exen“) zu kämpfen.
Kinder und digitale Räume
- Kinder vor Gefahren des Internets schützen, nicht durch Sperren für Kinder, sondern durch konsequentes Vorgehen gegen Verbreiter von Lügen und schädliche Inhalte.
Umgang mit traumatisierten Kindern und Rolle der Erzieher
- Beispiel der Mutter von Christian Springer selbst: trotz traumatischer Nachkriegserlebnisse lebensfroh und neugierig.
- Kinder können nach schlimmsten Erlebnissen Lebenswillen entwickeln.
- Appell: Hoffnung geben, Lebenswillen entzünden, nicht verzweifeln.
Bayernhymne im Schulkontext: Gemeinschaft und Kritik
- Hymne bei Anlässen an weiterführenden Schulen; gemeinschaftsstiftend, fern von Nationalismus möglich.
- Text kritisch: fünfmal „Gott“ (Spannung zu Trennung von Staat und Kirche), gestrichene dritte Strophe, abgelehnter moderner Vorschlag (2012, Muhammad Agca).
- „Mit den Bruderstämmen einig“ nicht inklusiv für diverse Schulklassen.
- Alternativen und Satire als Ventil; Vergleich Umsatz von Rheinmetall vs. Umsatz von Lego als Hoffnungssignal (ungefähr gleich hoch).
Mut und Haltung im Schulalltag, Strukturen der Demokratie
- Frage nach konkreter Umsetzung von Mut und Haltung im schulischen Alltag.
- Schulsystem teils undemokratisch, geprägt von Leistungs- und Rechtfertigungsdruck.
- Notwendigkeit, Demokratie nicht nur als Engagement, sondern strukturell zu verankern.
Schulkonzepte, Handlungsspielräume und zivilgesellschaftliche Allianzen
- Beispiel Maria-Leo-Grundschule (Berlin): jahrgangsübergreifende Lerngruppen, Gruppenarbeit ab 9 Uhr, überdurchschnittliche Leistungen, Deutscher Schulpreis.
- Appell, Freiräume zu nutzen, neue Wege zu gehen, „Weiter so“ überwinden; nötigenfalls unangenehm sein.
- Netzwerke („Banden“ nach Sebastian Krumbiegel) als Schutzmechanismus der Demokratie; klare Haltung ohne Gewalt.
- Persönliche historische Verantwortung: Familiengeschichte, Verlust und Trauer als Motivation für Engagement gegen Hass und Extremismus.
Podiumsdiskussion:
Während der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Keynote Speaker Christian Springer (Kabarettist/Autor), Dr. Ludwig Spaenle (ehemaliger bayerischer Kultusminister und Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Staatsregierung) und Sofija Pavlenko (Studentin/Jugendleiterin beim Projekt YouthBridge) unter Leitung von Dr. Michael Hoderlein-Rein (3. Vorsitzender des MLLV) und Julia Reiter (Stellvertretende Geschäftsführung des MLLV) über die Bedeutung demokratische Bildung an Schulen.
Während der Diskussion stellten sich folgende Kernanliegen heraus:
Sofija Pavlenko sieht die Verantwortung der Schulen darin, die Demokratie als schützenswerten Schatz erfahrbar zu machen, interkulturellen Dialog zu fördern und moderne Methoden zu nutzen (Theater, KI). Sie wünscht sich, dass Schulen mit praxisnahen Tools gestärkt werden.
Dr. Ludwig Spaenle sieht bei den Schulen den Auftrag, kritisches Bewusstsein und Regelverständnis zu vermitteln. Er plädiert für eine wehrhafte Demokratie, Respekt für Lehrkräfte und klare Reaktionen auf diskriminierende Vorfälle an Schulen.
Christian Springer ruft Schulen dazu auf, bei rechtsextremen Provokationen Gespräche zu suchen und klare Grenzen zu setzen, anstatt wegzusehen. Außerdem glaubt er, dass Demokratie Opposition und Beteiligung aller, besonders der „kleinen“ und marginalisierten Gruppen, erfordert. Werte müssten an Schulen glaubwürdig gelebt werden.
Das Moderatorenduo fordert Zeit zum Reden über Antisemitismus und Hass an Schulen und warnt sogleich vor Kürzungen durch den Lehrplan. Außerdem sollten demokratische Strukturen an den Schulen gestärkt werden, vor allem über Vertrauen in die Schulen/Lehrkräfte und Rückhalt für die Schulen/Lehrkräfte.
Laut der Teilnehmer/innen der Podiumsdiskussion braucht es an den Schulen folgende Säulen der Demokratieerziehung:
- Zeitfenster in Schulen sichern:
- Geplante Gesprächszeiten zu Antisemitismus, Hass und Demokratie fest im Stundenplan verankern.
- Kürzungen vermeiden; Räume für Diskussion und Reflexion schützen.
- Lehrkräfte stärken:
- Klare Rückendeckung durch Schulleitung, Ministerien und Parlamente.
- Fortbildungen zu kritischem Denken, Intervention bei Diskriminierung und digitaler Desinformation.
- Respektkultur fördern; Verbandsforderungen ernst nehmen.
- Demokratische Schulstrukturen ausbauen:
- Personalratswahlen aktiv unterstützen und kommunizieren.
- Mitbestimmung von Schüler:innen und Kollegium stärken; Opposition und Vielfalt zulassen.
- Praxisnahe Unterstützung annehmen:
- Kooperation mit externen Projekten wie YouthBridge/DeepBridge für Workshops (Antisemitismus, Fake News, Extremismus, Erinnerungskultur).
- Kreative Methoden nutzen (Theater, Zeitzeug/innen, reflektierter KI-Einsatz) zur Kompetenzförderung.
- Klare Haltung gegen Verletzungen der Menschenwürde:
- Neutralität beenden, wo Grundrechte angegriffen werden.
- Bei Vorfällen: Gespräch suchen, friedliche klare Grenzen setzen, ggf. konsequente Maßnahmen ergreifen.
- Inklusion sichern:
- „Die Kleinen mitkommen lassen“ - Einbindung eingeschränkter, fremder und neu angekommener Kinder.
- Unterschiedlichkeit aktiv aushalten
Abschlussgedanken/Fazit
Wer diese Veranstaltung miterlebt hat, muss zu dem Schluss kommen, dass es im Alltag gar nicht so leicht ist, Haltung zu zeigen, den Mund aufzumachen, zu handeln. Bei aller Kontroverse, die Christian Springer mit seinem Vortrag ausgelöst hat, merkt man, dass es oft großen Mut benötigt, auch Dinge auszusprechen oder Themen zu benennen, bei denen nicht jeder sofort „Hurra“ schreit. Diejenigen, die ja nichts Falsches sagen wollen, sind in diesen turbulenten Zeiten fehl am Platz. Es ist wichtig, auch einmal Gegenwind auszuhalten, Haltung zu bewahren und nicht sofort umzukippen, wenn es schwierig wird. Lehrkräfte an den Schulen in Deutschland sind also dazu aufgefordert, im Unterricht auch unangenehme, kontroverse Themen zu besprechen, ganz klar Stellung zu unserer demokratischen Verfassung, dem Grundgesetz, zu beziehen und die Demokratie, wo es nur geht, zu verteidigen. Wo allerdings Lehrkräften der Mut fehlt das Wort gegen demokratiefeindliche Parteien zu erheben aufgrund des Neutralitätsgebots, wo sie bei Rassismus und Frauenfeindlichkeit in den Klassenräumen einfach wegschauen oder sogar politische und demokratische Themen hinten herunterfallen lassen und stattdessen anderen, „angenehmeren“ Themen den Vorzug geben, wo bei Wahlen der Personalvertretung die Wahlbeteiligung unterirdisch niedrig ist, trotz extrem großem Aufwand im Wahlkampf und Wahlwerbung an den Schulen, an all diesen Orten wird unser freiheitliches Leben und unsere Demokratie nicht mutig verteidigt und in Teilen sogar im Stich gelassen. Wer auch in Zukunft an demokratischen Wahlen beteiligt werden will, wer auch in Zukunft seine Meinung frei äußern können möchte, wer auch in Zukunft seine Freiheiten, die er oder sie heute noch hat, genießen möchte, der muss endlich aufwachen aus dem Traum, dass alles schon irgendwie so weiter läuft und morgen auch noch die Freiheit da ist. Ich rufe also alle Lehrkräfte dazu auf, endlich Haltung zu zeigen, den Mund aufzumachen und zu handeln, wo immer es geht! Setzt euch für die Demokratie ein, denn sie ist nicht selbstverständlich! Wer das in diesen Zeiten noch glaubt, hat gar nichts verstanden.
Text mit Unterstützung durch KI, redaktionell geprüft
Mit demokratischen Grüßen
Andre Grenzebach, Pressereferent













