Liebe Schulleitungen, liebe Kolleginnen und Kollegen,
die letzten Ferientage gehen zu Ende. Am Montag standen die Anfangskonferenzen an, am Dienstag begann für unsere Schülerinnen und Schüler das neue Schuljahr. Viele von Euch und Ihnen arbeiten bereits seit Tagen daran, Stundenpläne zu erstellen, Klassen zu besetzen und trotz schwieriger Voraussetzungen einen möglichst verlässlichen Schulstart zu organisieren. Gerade in dieser angespannten Situation erreicht uns eine bemerkenswerte Nachricht des Staatlichen Schulamts: Die Personalzuteilung sei in diesem Jahr von „einigen Herausforderungen“ geprägt gewesen.
„Einige Herausforderungen“, das klingt ein wenig so, als hätte man bei der Stundenplanung zwei Räume doppelt belegt. Tatsächlich geht es um ein Stellenmoratorium trotz steigender Schülerzahlen, fehlende Lehrkräfte und Substitutionskräfte, eingeschränkte Teilzeitaufstockungen, den Wegfall des Puffers für Nichtantritte, die Wegversetzung fertig ausgebildeter Lehrkräfte und erneut unbesetzte Klassenleitungen. Kurz gesagt: Der Lehrkräftemangel ist offenbar vorbei, es fehlen nur weiterhin die Lehrkräfte. Gerade dieser Widerspruch sorgt bei vielen Schulleitungen und Kollegien für erheblichen Ärger. Bei Personalversammlungen, Schulleitungskonferenzen und weiteren Veranstaltungen wurde seitens des Staatlichen Schulamts im vergangenen Schuljahr immer wieder erklärt, der Lehrkräftemangel an den Grundschulen sei nun vorbei oder zumindest weitgehend überwunden. Es wurde der Eindruck vermittelt: Es wird besser.
Der MLLV hat bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hingewiesen, dass diese Einschätzung nicht der schulischen Realität entspricht. Dafür wurden wir wiederholt kritisiert. Die aktuelle Personalzuteilung bestätigt nun leider genau das, was wir stets deutlich gemacht haben.
Für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist die Wahrheit entscheidend, auch wenn sie unbequem ist. Schulleitungen und Kollegien brauchen keine Schönfärberei und keine beruhigenden Botschaften, die wenige Monate später von der Wirklichkeit widerlegt werden. Probleme lassen sich nur gemeinsam lösen, wenn sie zuvor offen und ehrlich benannt werden. Wer im Frühjahr erklärt, der Lehrkräftemangel sei vorbei, kann im Herbst nicht so tun, als seien die nun fehlenden Lehrkräfte lediglich eine überraschende „Herausforderung“.
Besonders bitter ist die Situation für die Grundschulen, die die Personalgewinnung für die Mittelschulen solidarisch unterstützt haben. Sie haben leistungsstarke Lehrkräfte mit hohem Stundenmaß abgegeben, im Vertrauen auf die Aussage, dass an den Grundschulen inzwischen ausreichend Personal vorhanden sei und entsprechende Nachbesetzungen erfolgen könnten. Das Ergebnis erinnert an einen Tauschhandel, bei dem man ein ganzes Brot abgibt und später erfährt, dass als Ersatz leider nur noch ein paar Brösel übrig sind.
Zahlreiche Schulleitungen berichten uns inzwischen, dass Klassenleitungen an Lehrkräfte mit lediglich acht oder zehn Wochenstunden vergeben werden müssen. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Teilzeit zu kritisieren. Teilzeitbeschäftigte Kolleginnen und Kollegen leisten wertvolle Arbeit und haben selbstverständlich Anspruch auf ihre gesetzlich geregelte Arbeitszeit. Das Problem ist eine Personalzuweisung, die den Schulen keine andere Möglichkeit mehr lässt, als Klassenleitungen unabhängig vom Stundenmaß zu vergeben und den Unterricht einer Klasse auf immer mehr Personen zu verteilen.
Gleichzeitig erreichen uns Fälle, die zeigen, wie mit der angespannten Personalsituation umgegangen wird. Angebote seitens Lehrkräften ihr Stundenmaß deutlich zu erhöhen werden teilweise abgelehnt, weil sich das kurzfristig nicht planen lasse. Wenn selbst der akute Lehrkräftemangel kein triftiger Grund für die freiwillige Aufstockung einer qualifizierten Lehrkraft ist, was wäre dann einer? So entsteht ein bemerkenswerter Kreislauf: Im Februar kann eine Aufstockung noch nicht geplant werden, im September kann sie nicht mehr genehmigt werden. Dazwischen liegt offenbar ein sehr kleines Zeitfenster, das sich bislang weder Lehrkräften noch Schulleitungen zuverlässig erschlossen hat. Am Ende fehlen Stunden, obwohl Lehrkräfte bereit wären, sie zu übernehmen.
Die Folgen der Personalzuweisung sind in den Schulen unmittelbar spürbar: In ersten Klassen unterrichten fünf, sechs oder sieben verschiedene Lehrkräfte, in vierten Klassen teilweise bis zu zehn. Die Klassenleitung ist unter Umständen nur an zwei oder drei Tagen anwesend. Für Kinder, Eltern und Kollegien entsteht dadurch ein kompliziertes Wechselspiel aus Zuständigkeiten, Absprachen und Übergaben. Das gleicht einem Fußballspiel, bei dem während der Partie ständig die Aufstellung geändert wird, und trotzdem erwartet man ein perfektes Zusammenspiel. Grundschule lebt gerade in der Schuleingangsphase von Beziehung, Verlässlichkeit und Kontinuität. Wer Erstklässlerinnen und Erstklässlern zum Schulstart ein täglich wechselndes Lehrkräfteteam präsentiert, sollte ihnen am besten gleich einen aktuellen Dienstplan in die Schultüte legen. In den vierten Klassen kommt die besondere Belastung des Übertritts hinzu. Auch dort sind klare Zuständigkeiten und eine kontinuierliche Begleitung keine pädagogische Zugabe, sondern eine Voraussetzung für gute Schule.
Natürlich kann das Schulamt nur mit den Stellen und Stunden arbeiten, die politisch zur Verfügung gestellt und von der Regierung genehmigt werden. Es trägt aber Verantwortung dafür, wie die Situation gegenüber den Schulen und den Beschäftigten dargestellt wird. Wer bei Personalversammlungen und Schulleitungskonferenzen verkündet, der Lehrkräftemangel an den Grundschulen sei vorbei und alles werde besser, muss sich an diesen Aussagen messen lassen. Man kann nicht über Monate Zuversicht verteilen und zum Schuljahresbeginn erklären, leider ließen sich nur noch Mangelstunden verteilen.
Die zentralen Ursachen liegen in politischen Entscheidungen auf Landesebene: Stellenmoratorium, reduzierte Einstellungsmöglichkeiten, strenge Neueinstellungskriterien und eingeschränkte Teilzeitaufstockungen sind keine Naturereignisse. Ihre Folgen landen nun in den Klassenzimmern und auf den Schreibtischen der Schulleitungen. Wenn steigende Schülerzahlen nicht mit zusätzlichen Stellen hinterlegt werden, ist das ungefähr so, als würde man zusätzliche Fahrgäste in einen bereits überfüllten Bus einsteigen lassen und dem Fahrer erklären, die Beförderungskapazität habe sich dadurch nicht verändert, es sei lediglich eine neue Herausforderung entstanden. Die aktuelle Situation gefährdet zudem die Solidarität zwischen Grund- und Mittelschulen. Mehrere Grundschulleitungen haben uns bereits mitgeteilt, dass sie die Abgabe weiterer Lehrkräfte an Mittelschulen künftig nicht mehr unterstützen wollen. Diese Reaktion ist nachvollziehbar. Solidarität funktioniert nicht als Einbahnstraße. Wer Hilfe leistet, muss sich darauf verlassen können, anschließend nicht selbst mit einer noch größeren Versorgungslücke zurückzubleiben.
Der MLLV wird die diesjährige Personalzuweisung zu Beginn des Schuljahres deutlich thematisieren und gegenüber Schulamt, Regierung und Politik eine ehrliche Aufarbeitung einfordern. Wir werden nicht akzeptieren, dass der Lehrkräftemangel sprachlich für beendet erklärt wird, während er in den Schulen deutlicher denn je zu spüren ist. Denn Personalmangel verschwindet nicht dadurch, dass man ihn zur „Herausforderung“ erklärt. Aus einem Loch in der Personaldecke wird auch dann kein Oberlicht, wenn man es freundlich formuliert.
Dass dieser Schulstart trotz der schwierigen Rahmenbedingungen gelingen wird, liegt nicht an einer gelungenen Personalpolitik, sondern am großen Einsatz der Menschen in unseren Schulen. Darauf darf sich die Politik jedoch nicht dauerhaft verlassen. Der MLLV wird die entstandenen Probleme weiterhin klar benennen und sich mit Nachdruck dafür einsetzen, dass die Verantwortung für politische Versäumnisse nicht bei den Schulleitungen und Kollegien abgeladen wird.
Es grüßt Sie herzlich!
Martin Schmid 1. Vorsitzender


